Auf der Suche nach dem Anfang einer Reise – Türkei

Bizde var

DSC00169

Es ist erstaunlich. Da befindet man sich in einer Stadt mit über 10 Millionen Einwohnern und ist auf der Suche nach Menschen mit Behinderung und sieht sich plötzlich einer schier unlösbaren Aufgabe konfrontiert: Wo sind sie? In den Straßen und Gassen, in den Marktplätzen oder grundsätzlich im öffentlichen Leben: Kein Rollstuhl. Wahrscheinlich habe ich zu viel erwartet, vielleicht sogar damit gerechnet, dass mir am Flughafen gleich ein Rollstuhl in die Arme geworfen wird und mir der Staatschef persönlich bei der Suche nach Menschen mit Behinderung behilflich ist. Stattdessen entstand das Bild, dass 100% aller hier lebenden Menschen ohne jegliche Form von Behinderung leben. Dabei sollen über 12% mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen ihren alltäglichen Dingen nachgehen.  Damit deckt sich diese Wahrnehmung mit der Aussage von Ercan Tutal, dem Gründer der Dreams Academy in Istanbul, dass man Betroffene aus Scham zuhause versteckt. Das Thema der Behinderung wird in der Türkei oftmals verschwiegen. Weit verbreitet sind dagegen die Ansichten, dass ein Mensch mit einer Beeinträchtigung von Gott bestraft wurde und diese durch persönliches Fehlverhalten erworben hat. Gleichzeitig existiert der Aberglaube, dass Menschen mit Beeinträchtigungen negative Kräfte auf ihr Umfeld übertragen können. Im Gespräch mit Eltern von Kindern mit Beeinträchtigung wurde mir mehrmals berichtet, dass viele der Ansicht seien, dass der bloße Kontakt schon ausreicht, um selbst an einer Behinderung „zu erkranken.“.Ercan Tutal erzählte mir, dass oftmals Badegäste nicht im gleichen Wasser baden wollen, wie ein „Behinderter“. Grundsätzlich existiert weiter die Annahme, dass es sich bei einer Behinderung um eine Krankheit handelt, die entweder ansteckend oder mit ominösen Mitteln heilbar ist. Oft werden sie daher von ihren Familien aus Scham versteckt. In Istanbul, einer Stadt mit über 10 Millionen Einwohnern, sieht man daher selten Menschen, die mit ihrer Behinderung leben. Ist dies doch der Fall, dann gehen gesellschaftliche Diskriminierung und Isolation einher.

DSC00050

Die großangelegte Umfrage “Die Position Behinderter, Wahrnehmung und Diskriminierung” (“Engelli Konumlandırma ve Algı Anketi”) setzte sich mit der gesellschaftlichen Empfindung von 800 Menschen mit und ohne Behinderung auseinander und kam dabei auf folgendes Ergebnis: 17,1 % der Betroffene bekamen in der Vergangenheit den Zugang zu einem Kino oder einem Café verweigert. 8,1 % hatten Probleme, eine Wohnung oder einen Laden anzumieten. 23,9 % werden oftmals von Bussen oder Taxen stehen gelassen. 4,7 % der Eltern wollten keinen „Behinderten“ in der selben Schulklasse haben, 13,8 % wurden von der Schulleitung als potentielles Mitglied der Schule abgelehnt. Es existiert allerdings in der Türkei das Gesetz der Vorschulpflicht für alle Kinder. Daher sind Regelschulen dazu verpflichtet, Kinder mit speziellem Hilfebedarf aufzunehmen, wenn sie aufgrund ihrer Wohnsituation keinen Zugang zu einer so genannten Spezialschule erhalten. Allerdings besuchen von 120 000 Kindern lediglich 7000 eine Schule. Für diese 7000 Kinder fehlen häufig Lehrkräfte mit spezieller Ausbildung und notwendige Lernhilfsmittel. In der gesamten Türkei gab es bis 2005 keine Institution, welche die Gebärdensprache förderte, was auch daran lag, dass die Gebärdensprache staatlich noch nicht als Sprache anerkannt wurde. Diese Situation hat sich allerdings geändert. Mittlerweile wird von Kindern nicht mehr erwartet, dass sie ausschließlich das „Lippenablesen“ erlernen und somit nicht durch fehlende Kommunikationsmittel von der Gesellschaft isoliert werden.

DSC00326

58,6 % würden sich gleichzeitig in Sorge sehen, wenn die Lehrkraft eine Behinderung hätte. 59,3 % würden keinen Menschen mit einer Behinderung heiraten. 46,7 % denken, dass Menschen mit Behinderung schwach und grundsätzlich hilfsbedürftig sind, und dass sich ein „schwächeres Mitglied einer Gesellschaft“ eben den vorherrschenden Umständen vor Ort anzupassen hat. Wer mit einer Behinderung lebt, wird demnach als „Problem“ angesehen, mit welchem alle zurecht kommen müssen.

DSC00128

Diese öffentliche Wahrnehmung setzt sich politisch fort. Wer in der Türkei ein Kind mit einer schwerst mehrfachen Behinderung zur Welt bringt, wird mit erheblichen Barrieren zu rechnen haben. So ist es in der gesamten Türkei sehr schwer, angemessene Behandlungsmöglichkeiten für das Kind zu erhalten. Rehabilitationszentren existieren nur in Großstätten. 20 % der in Istanbul lebenden Kindern mit Behinderung wurden noch nie von einem Spezialisten untersucht. 40% haben keine Sozialversicherung und werden daher als Zielperson des Gesundheitssektors nicht aufgeführt. Es fehlt grundsätzlich an flächendeckenden Betreuungs- und Therapieangeboten und an einer angemessenen Koordination von Organisationen und Behörden. Der Mangel an Therapeuten ist erheblich: 10 % aller Betroffenen haben in Istanbul einen Platz in einem Rehabilitationszentrum. Menschen mit einer Behinderung werden in der Türkei aus dem sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben nahezu ausgeschlossen. Ein „Behindertenproblem“ existiert praktisch gar nicht.

DSC00178

In der ganzen Türkei gibt es 36 Einrichtungen, die eine Rund-um-Versorgung für Menschen mit Schwertmehrfachbehinderung gewährleisten können. Private Zentren erhalten zusätzlich keine staatlichen Subventionen, um eben diese Versorgung zu finanzieren. Weiter existieren keine speziellen Wohnheime für Kinder und Jugendliche. In allen Fällen werden alle Altersstufen gemeinsam begleitet. Insgesamt verteilen sich 3000 Menschen auf diese 36 Wohnheime. Gleichzeitig fehlt es allerdings an geschultem Personal und notwendiger  Finanzierung von Dienstleistungen in der Heilerziehung. Um die weitere Finanzierung von Betreuungseinrichtungen zu umgehen, unterstützt der Staat die Familien direkt. Ich habe in Istanbul unter erheblichem Aufwand versucht, eine dieser Wohneinrichtungen zu finden. Ich schaute allerdings nicht nur einmal in fragende Gesichter.

DSC00237

Die Anzahl von ausgebildeten Physiotherapeuten hat mich sehr überrascht. Auf 70 Millionen Einwohner kommen in der Türkei 950 Physiotherapeuten. Im Vergleich dazu kommen in Deutschland auf 80 Millionen Menschen 48.000 Physiotherapeuten. Neurologische Praxen existieren fast ausschließlich in den Großstädten und medizinische Hilfsmittel werden vom Türkischen Roten Halbmond nach Vorlage einer Identitätskarte und eines Armutszertifikates bereit gestellt. Doch selbst mit Rollstuhl können Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen ihre Wohnung nur eingeschränkt oder gar nicht verlassen, da neben unzureichend ausgebauter Wege und Straßen häufig eine Begleitperson fehlt, die hier und da mal buchstäblich unter die Arme greifen kann.

DSC00257

Barrierefreie Bereiche findet man in dieser Metropole selten. Abgesenkte Bordsteine fehlen fast überall. In einzelnen Stadtteilen hat sich allerdings ein sogenannter „gelber Stein“ etabliert, der Sehbeeinträchtigten Orientierung bieten soll. Weiter ist mir ein Reiseführer in die Hände gefallen, der Touristen mit Gehbehinderungen über die Barrierefreiheit an diversen Sehenswürdigkeiten aufklärt.

DSC00280

Nach vielen Gesprächen mit Menschen, die sich mit dem Thema Behinderung in der Türkei theoretisch und praktisch auseinandersetzen, zeichnet sich allerdings zur Zeit eine positive Entwicklung ab. Großteils werden nun Menschen mit Beeinträchtigungen  von staatlicher Seite berücksichtigt. Dieser Prozess begann im Jahre 2008. Mittlerweile werden „Spezialschulen“ finanziell gefördert, obgleich sie immer noch nicht den notwendigen Bedarf abdecken. Weiter wird eine türkische Gebärdensprache gelehrt, die mit der Verbalkommunikation kombiniert unterrichtet wird. Grundschullehrkräfte werden in Kursen fortgeblidet und erhalten eine Lehrbefähigung eben an einer dieser „Spezialschulen“. Es reicht allerdings aus, einen Jahreskurs ohne pädagogische Grundausbildung abzuschließen, um als Sonderschullehrer arbeiten zu dürfen. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum es plötzlich diesen Paradigmenwechsel in der politischen Arbeit gab und sich der türkische Staat für diese „Gruppe“ interessierte. Am Ende traf ich stets auf die gleiche Aussage: EU-Beitritt.

DSC00165

Dass Prozesse gesellschaftlicher Entwicklung nicht immer politisch aktiviert werden, sondern häufig in den Händen weniger Menschen liegen, die innovative Projekte planen und organisieren, konnte ich an mehreren Beispielen erkennen.

DSC00200

Ein Projekt, welches ich hier besonders im Fokus halten möchte, ist die Düsler Academisi in Istanbul. Ercan Tutal hat dieses Projekt vor 10 Jahren entwickelt, nachdem er in Tübingen Linguistik studierte. Während dieser Zeit kam er mit verschiedenen Einrichtungen für Menschen mit Behinderung in Kontakt. Ehrenamtlich arbeitete er für die Lebenshilfe Tübingen. Ercan war nach eigener Aussage überrascht, dass Menschen mit Beeinträchtigungen am öffentlichen Leben teilnehmen. Mit diesem Gefühl kehrte Ercan in die Türkei zurück und versuchte aktiv, Betroffene aus der Isolation zu befreien und entwickelte ein Konzept, dass Menschen mit Beeinträchtigung in allen Lebensbereichen einen uneingeschränkten Zugang erhalten. Daraus entstand die Idee der Düsler Academisi. Diese Einrichtung versteht sich als unentgeltlicher Dienstleister und arbeitet dabei wie ein Sinfonieorchester: Es soll mit allen Beteiligten Musik kreieren und nicht nur ein lautes Geräusch produzieren, das wieder verstummt.

DSC00278

 

 

Durch Kunst, Sport und Musik sollen Menschen mit Behinderung gemeinsam kreativ schaffend werden und mithilfe von freiwilligen HelferInnen einen Klang erzeugen, den Ercan Tutal „Social Inclusion“ nennt. Übersetzt bedeutet Düsler Traum. Auf diesem Schlüsselwort wurde diese Institution gegründet. „Social Inclusion“ ist eben dieser Traum, der als Vision durch die Initiative vieler helfender Hände zu einer neuen Wirklichkeit führt und dadurch die türkische Gesellschaft in diesem Bereich nachhaltig entwickeln wird. Diese Freiwilligenarbeit wird von verschiedenen Ressourcen unterstützt. So sind die Vereinten Nationen mit der Düsler Academisi vernetzt und trainieren HelferInnen für den Freiwilligendienst in dieser Einrichtung. Weiter setzt sich diese Gruppe aus Eltern, Lehrern, Künstlern Musikern und Sportlern zusammen, welche die verschiedenen Angebote der Düsler Academisi erweitern. Dadurch wurde die Düsler Academisi für viele Einrichtungen, die Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung anbieten wollen, ein Vorbild und adaptieren das Konzept auf unterschiedliche Weise. Einige Einrichtungen kopieren das Konzept der Akademie fast zu 100%. Für Ercan Tutal stellt dies kein Problem dar. Vielmehr will er die Vision einer inklusiven Gesellschaft multipliziert sehen und möglichst viele Menschen im ganzen Land zu einer nachhaltigen Entwicklung inspirieren.

DSC00316

Die grundlegende Funktion der Düsler Academisi ist die Stärkung des Individuums durch Bildungsangebote. Der Rotarioclub sponserte hierfür ein dreistöckiges Gebäude, in welchem neben der Verwaltung zahlreiche „Spezialräume“ untergebracht sind. Im Keller befindet sich ein komplett eingerichteter Bandproberaum mit Musikstudio, ein Atelier und ein Filmstudio mit Bluescreen. Im ersten Stock ist genug Platz für einen Trommel- und Musikkurs, der permanent von einem Professor der Musikwissenschaft angeboten wird. Weiter bietet die Akademie Yoga-, Gitarren-, und Englischkurse an. Verschiedenes Essen wird zum Weiterverkauf in einer großen Küche produziert. Der Vielfalt ist keine Grenze gesetzt. Wer sein Wissen und seine Fähigkeiten teilen möchte, ist hier bestens aufgehoben.

DSC00317

Um das Angebot weiter in den Freizeitbereich auszubreiten, bietet die Düsler Academisi so genannte Alternative Camps an. Gemeinsam wird mit Tanz, Kunst, Sport  (unter anderem wird Tauchen angeboten) , Theater, Film oder Fotografie experimentiert. Nach zehnjähriger Arbeit in diesem Bereich, konnte die Akademie nun ein beachtliches Stück Land  bei Kas erwerben. Hier wird seit Monaten gebaut, geformt, abgerissen und renoviert. Mitte Oktober will die Düsler Academisi ein ganzjähriges Freizeitangebot kostenlos anbieten. Als ich vor Ort war (Mitte September) sah es allerdings so aus, als ob die Eröffnungsfeier noch ordentlich auf sich warten lässt. An dieser Stelle viel Glück.

DSC00318

Für Ercan Tutal ist Inklusion ein hohes Prinzip. Ihm ist es wichtig, dass Menschen mit Behinderung einen uneingeschränkten Zugang zu allen Lebensbereichen erhalten. Kompromisse will er nach eigener Aussage nicht eingehen. Aus diesen Gedanken entstand die Social Inclusion Band, eine Rockgruppe, die sich aus Musikern mit und ohne Behinderung zusammensetzt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und internen Wechseln, konnte sich die Social Inclusion Band einen Namen machen und spielt nun regelmäßig in Istanbuls angesagten Clubs. Dieses Jahr hatten sie sogar die Möglichkeit, auf dem Rock n´Coke Festival (Headliner waren The Editors, Arctic Monkeys und Prodigy) aufzutreten. Um die Besucher des Festivals mit dem Thema Behinderung in Kontakt zu bringen, bot die Düsler Academisi eine begehbare Blackbox an, in welcher man verschiedene Aufgaben unter der Einschränkung von Sicht und Gehör lösen konnte. Ich hatte die Möglichkeit, diese Band im „Babylon“ auf einem „Friedensfestival“ zu sehen. Einen kleinen Konzertausschnitt kann man sich hier anschauen.

DSC00286

Zurück in Istanbul besuchte ich eine Privatschule für Menschen mit Behinderung (Türkiye Spastik Cocular Vakfi). In einem riesigen und komplett neu erstellten Gebäude werden ganzheitliche Bildungsangebote geschaffen, die das individuelle Lernen in den Mittelpunkt rücken und so ziemlich keine pädagogischen Wünsche offen lässt. Ziel dieser Schule ist die Stärkung der Fähigkeiten und Fähigkeiten jedes Individuums. Die Kinder sollen für die Gesellschaft fit gemacht werden, sodass sie anschließend an einer Regelschule ihren Abschluss machen können. Insgesamt werden 25 Kinder unterschiedlichster Beeinträchtigungen von hervorragenden SonderschullehrerInnen unterrichtet. All dies ist für einen Jahresbeitrag von 20 000 Euro locker zu haben.

 

http://www.duslerakademisi.org/